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Wahre Geschichten aus der DDR XXXXI– Fasching

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Zum diesjährigen aktuellen Faschingstreiben und den Winterstürmen, die da die Deutschen zusätzlich zu Coronavirus in Angst und Schrecken versetzen sollen, kam mir in der Nacht wieder eine Erinnerung, die ich hier aufschreiben will.

Nicht nur in der BRD wurde Fasching gefeiert, sondern auch in der DDR, wir feierten wie die Feste fielen unter Walter Ulbricht ging das noch locker zu, wenn das auch Erich, seinem Kronprinzen, nicht unbedingt gefiel, er wartete noch auf sein Chance, aber er sägte schon fleißig an Walters Stuhl.

Ich absolvierte gerade die 10 Klasse, wir waren ein lustiges Völkchen und so kamen mein Freund Volker und ich auf die Idee wir gehen zum Faschingstanz uns Werk 6 auf der Weststraße. Zu dieser Zeit gab es noch in allen Zittauer Textilwerken Tanzveranstaltungen mein Nachbar war Haus- und Hofmeister dort und so war das mit den Eintrittskarten kein Problem.

Eine Gitarrenband, die auch noch selbst spielen konnte, war angekündigt, was brauchte man mehr als Wein,Weib und Gesang, Büttenreden langweilten uns ohnehin.

Kostüm Pflicht und so entschlossen wir uns für die Musketiere, schließlich gab es damals noch die Firma Hopfstock, einen Kostümverleih, der nicht nur das Zittauer Theater versorgte, sondern auch bei der DEFA gut bekannt war.

Die alten Damen wussten auch gleich was wir wollten, lange Schaftstiefeln, Hosen, Jacke, Handschuhe, Holzdegen, Spitzenkragen und das alles für zwei Tage, für weniger als zwanzig DDR-Mark.

Üblicherweise begann die Veranstaltung um 19.00 Uhr, es lag Schnee und es sah nach weiteren Schneefällen aus, als wir uns beide zu Fuß die vier Kilometer auf den Weg machten, Bus gab es keinen mehr, es war nicht ungewöhnlich.

Der Speisesaal des Textilwerkes war nicht groß, aber schon gut gefüllt und die Kapelle war uns bekannt. Bockwurst mit Brot, Bier und Mädchen gab es genug, was uns fehlte war das dritte Musketier.

Der Mensch denkt und Gott lenkt, ein kräftiger Schlag auf die Schulter, hinter mir stand ein Musketier, neidisch blickten wir auf den Degen, es war ein echter Theaterdegen.

Arthos, Portos, Aramis wir waren bereit für den Schlachtruf „Einer für alle, alle für Einen“ und zur Begrüßung einen halben Liter Bier.

Die Band spielte wie angeordnet 60/40, jeder wusste 60 % DDR, 40 % West, eingehalten wurde es selten.

Unser gefundenes Musketier war beim Zittauer Theater im Opernensemble als Sänger wie er uns erzählte und war gerade dabei zum Erich Weinert-Ensemble der NVA zu wechseln, sein letzter Auftritt vor der Einberufung im Mai.

Wir müssen wohl tief in die Gläser geschaut, gesungen und getanzt haben und so fanden wir uns nach Mitternacht vor dem Tor wieder.

Stürmisches Schneetreiben, so an die 30 cm Neuschnee lagen schon und vor uns ein Fußmarsch, für mich von vier Kilometern und Volker hatte noch zweieinhalb Kilometer mehr, er wohne im Nachbardorf.

Für mich war das alles kein Problem, ich weiß nicht wie viele Male ich schon die Strecke zu Fuß und unter fast allen Bedingungen bewältigt hatte.

Gestützt auf uns und auf unsere Holzdegen stampften wir durch den Schnee, die Flocken wirbelten, so dass man die Hand vor den Augen nicht sah, trotzdem schafften wir die Strecke bis zu meinem Haus in weniger als eineinhalb Stunden.

An der Straßenkreuzung trennten wir uns, Volker fühlte sich Manns genug die letzten Kilometer allein zu bewältigen.

Er verschwand im Schneetreiben und ich in meinem Bett, es war gegen zwei Uhr Morgens.

Nachdem der Kater mich am Vormittag verlassen hatte, machte ich mich auf den Weg ins Nachbardorf, ich war gespannt wie es Volker ging und ich traf ihn auch an, sein Vater lächelte.

Volker erzählte mir, dass er erst gegen vier Uhr Morgens im Bett war und sich nicht mehr erinnern konnte, auf welchen Weg er in der Nacht eingeschlagen hatte, zwei Stunden für zweieinhalb Kilometer, irgendwo musste er falsch abgebogen sein.

Unser drittes Musketier traf ich nur noch einmal, ehe er seinen Dienst bei der NVA antrat, dann verschwand er aus meinem Blickfeld. Auch für Volker und mich war es der letzte Fasching, denn mit der Lehre brach ein anderer Lebensabschnitt an, was uns verband, beide lernten wir Elektriker nur in verschiedenen Betrieben.